Eva Viehoff: Rede zum Landesaktionsplan Gute Geburt
TOP 22 – Antrag (SPD/GRÜNE): Landesaktionsplan Gute Geburt: Eine gesunde und gute Geburt für Mütter und Kinder sicherstellen
- Es gilt das gesprochene Wort -
Wie wir geboren werden, ist kein Randthema. Es geht um Würde, Gesundheit und gesellschaftliche Verantwortung. Geburt ist kein Verwaltungsakt, sondern einer der prägendsten Momente im Leben einer Frau – und der Beginn eines neuen Lebens.
Wenn wir heute abschließend über den Landesaktionsplan „Gute Geburt“ beraten, dann ist klar: Es ist höchste Zeit, vom Reden ins Handeln zu kommen und eine qualitativ hochwertige, frauenzentrierte Versorgung flächendeckend sicherzustellen.
Die Realität zeigt: 2023 kam fast jedes dritte Kind in Niedersachsen per Kaiserschnitt zur Welt – doppelt so viele wie vor 30 Jahren. Medizinisch notwendig wären jedoch nur etwa zehn Prozent. Das zeigt: Wir haben kein Naturgesetz, sondern ein strukturelles Problem. Gleichzeitig schließen Geburtsstationen, vor allem im ländlichen Raum. Die Wege werden länger, die Versorgung unsicherer. Das gefährdet selbstbestimmte Geburtserfahrungen.
Deshalb braucht es einen Paradigmenwechsel. Schwangerschaft und Geburt sind keine Krankheiten, sondern natürliche Prozesse. Ja, wir brauchen eine leistungsfähige Medizin für Notfälle. Aber wir dürfen nicht jede Geburt wie einen Ausnahmezustand behandeln. Unsere Aufgabe ist es, Schwangere zu stärken – mit Sicherheit, Vertrauen und guter Begleitung. Befähigung statt Bevormundung muss der Maßstab sein.
Unser Ziel ist klar: Jede Frau soll Anspruch auf eine interventionsarme, physiologische und würdevolle Geburt haben – sofern die Gesundheit von Mutter und Kind es zulässt. Die Senkung der Kaiserschnittrate muss dabei ein erklärtes Ziel sein.
Eine selbstbestimmte Geburt braucht Zeit, einen geschützten Raum und vor allem eine gute Hebammenbetreuung. Für uns ist die 1:1-Betreuung unter der Geburt, wann immer möglich, der Standard. Dafür brauchen Hebammen bessere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und weniger Bürokratie – besonders im ländlichen Raum. Internationale Erfahrungen zeigen: Kontinuierliche Hebammenbegleitung führt nachweislich zu weniger medizinischen Interventionen.
Zugleich wollen wir hebammengeleitete Kreißsäle flächendeckend stärken. Transparenz, klare Prozesse und echte Wahlmöglichkeiten sind entscheidend. Ebenso muss sichergestellt sein, dass jede Frau rund um die Uhr eine Geburtsstation innerhalb von maximal 40 Autominuten erreichen kann.
Wir müssen außerdem über Gewalterfahrungen unter der Geburt sprechen. Sie sind kein Einzelfall, sondern Ausdruck struktureller Probleme in der Frauengesundheit. Das erfordert klare Definitionen, traumasensible Fortbildungen und verbindliche Standards. Eingriffe dürfen nur nach umfassender Aufklärung und mit ausdrücklicher Zustimmung erfolgen. Selbstbestimmung ist kein Extra, sondern ein Grundrecht.
Unsere Verantwortung endet nicht im Kreißsaal. Das Wochenbett ist eine sensible Phase für die körperliche und psychische Gesundheit. Mit dem Landesaktionsplan wollen wir ein starkes, flächendeckendes Netzwerk aus Hebammen, Stillberaterinnen und ärztlichem Fachpersonal schaffen. Die Versorgungsqualität darf nicht vom Wohnort abhängen. Wir brauchen nachhaltig finanzierte Strukturen und verlässliche Unterstützung für alle Familien.
Eine gute Geburtspolitik ist aktive Frauenpolitik, ist Gesundheitsvorsorge und ist Familienpolitik zugleich. Mit unserem Beschluss entscheiden wir darüber, ob wir Frauen Vertrauen schenken – oder ob wir ihnen weiter misstrauen.
Eine Geburt ist einer der prägendsten Momente im Leben. Sie verpflichtet uns, einen sicheren und würdevollen Start ins Leben zu ermöglichen. Lassen Sie uns ein klares Signal senden: Für Selbstbestimmung. Für Versorgungssicherheit. Für eine würdige Geburt.