Fachgespräch im Landtag Vertreter*innen von Zivilgesellschaft, Museen, Forschung und Schule fordern Aufarbeitung der Kolonialzeit in Niedersachsen

Die Landtagsabgeordnete Eva Viehoff und der Bundestagsabgeordnete Ottmar von Holtz sprechen mit Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, der Museen, der Forschung, der Schule und der Kunst sowie rund 40 Gästen im voll besetzten Fraktionssaal der Grünen Landtagsfraktion über den Weg zu einer gerechten und inklusiven Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Niedersachsens.

Auch ein Jahrhundert nach Ende der deutschen Kolonialzeit ist in den niedersächsischen Museen und ethnologischen Sammlungen der Universitäten immer noch Raubgut zu finden, Straßen in unseren Städten tragen weiterhin fragwürdige Namen und in den Köpfen vieler Menschen sind koloniale Bilder präsent. Deswegen hatten die Landtagsabgeordnete Eva Viehoff und der Bundestagsabgeordnete Ottmar von Holtz am 18. September Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, der Museen, der universitären Forschung, der Schulen sowie der Kunst zu einem Fachgespräch in den Landtag nach Hannover geladen. Eine im Frühjahr gestellte schriftliche Anfrage an die Landesregierung hatte zuvor ergeben, dass neben wenigen kleinen Projekten von Landesseite aus fast nichts zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit in Niedersachsen geschieht.

Nach einem einleitenden Video-Beitrag des deutsch-amerikanischen Künstlers Marc Erwin Babej, der koloniale Einstellungen mit Bezügen zur Gegenwart in seinen Bildern thematisiert, berichtete die Staatssekretärin Petra Olschowski aus Baden-Württemberg den rund 40 Gästen im vollen Fraktionsaal über die erfolgte Rückgabe von Bibel und Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi nach Namibia. Durch die Rückgabeforderung der Nama an das Linden-Museum in Stuttgart begann das Grüne Kulturministerium in Baden-Württemberg vor einigen Jahren mit der Entwicklung einer Gesamtstrategie des Landes zum Umgang mit seinem kolonialen Erbe. Mittlerweile ist das grün-schwarz regierte Bundesland bundesweit führend in der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit. Ähnliche Anstrengungen gibt es in Niedersachsen bislang nicht. Einzig das Projekt „Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen“ beschäftigt sich mehr oder weniger landesweit mit der Provenienzforschung von kolonialem Raubgut in einer Reihe von Museen.

Prof. Rebekka Habermas von der Universität Göttingen und die Direktorin des Römer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim Prof. Regine Schulz waren sich einig, dass sich in Deutschland bislang weder die Politik noch die Museen selbst um die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der deutschen Geschichte gekümmert hätten. Bundesweit gibt es bislang kein einziges Forschungsinstitut zur Erforschung der deutschen Kolonialgeschichte und vielfach sind die Stücke mit Herkunft aus Übersee weder vollständig inventarisiert noch erforscht. Dabei basieren viele Erkenntnisse unserer Wissenschaft auf ethnologischem wie zoologischem Raubgut und es wird sogar weiterhin an diesen Remains geforscht. Auch die Ursprünge einiger niedersächsischer Industrien wie die Reifenproduktion oder die Schokolade- und Keksherstellung sind durch ihre exotischen Grundproduktionsmittel eng mit der Kolonialherrschaft verbunden gewesen. All dies erfährt in der heutigen Gesellschaft jedoch kaum Beachtung. Laut dem Göttinger Gymnasiallehrer Dr. Justus Goldmann liegt dies auch am fehlenden Schulunterricht zu dem Thema. Kolonialismus und seine Auswirkungen bis in die heutige Gegenwart werden nur sehr geringfügig in den Kerncurricula der Schulen behandelt.

Durch den Diebstahl von Kulturgegenständen während der Kolonialzeit sind den Herkunftsgesellschaften in den ehemaligen Kolonien wichtige kulturelle Zeugnisse verlorengegangen, die uns in Deutschland hingegen nur als weitere Anschauungsobjekte in unseren Museen dienen. Die Vertreter*innen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. zeigten anhand beispielhafter Biografien, dass people of colour bereits seit Jahrhunderten in Deutschland leben. Doch bereits zu Zeiten der Weimarer Republik wurden ihre Forderungen für Gleichberechtigung und Respekt gegenüber ihrer Kultur ignoriert oder zogen während der NS-Zeit sogar Bestrafung und Tod nach sich. Trotz unserer heutigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung leiden people of color beispielsweise durch racial profiling sowie rassistisch bedingter Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt oder im Beruf weiterhin unter kolonialen Denkmustern.

Bereits seit den 80er-Jahren engagieren sich zivilgesellschaftliche Akteure und einzelne Forscher*innen sowie Museen für eine gerechte und inklusive Aufarbeitung. Aber dies zumeist nur ehrenamtlich bzw. nicht ausreichend finanziert und gesellschaftlich kaum beachtet. Alle auf dem Podium und im Saal waren sich einig, dass die Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit endlich in die breite Gesellschaft getragen werden muss. Dazu benötige es eine politische Gesamtstrategie sowie eine langfristige Grundförderung und nicht nur einige wenige Provenienzforschungsprojekte. Darüber hinaus sei eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Menschen aus den Herkunftsländern und -gesellschaften sowie ihren Nachfahr*innen in Deutschland unabdingbar. Jegliche andere Handhabung verbiete sich aus moralischen Gründen und weil unbeteiligten Deutschen das entsprechende Wissen sowie der richtige Blickwinkel fehle. Zusammengefasst geht es um eine gerechte Aufarbeitung und kritische Erinnerungskultur. Eine Podiumsteilnehmerin sagte in der Abschlussrunde, dass sie sich sehr über den intensiven Austausch gefreut habe und hoffe, dass dieser in der niedersächsischen Politik nun zu Effekten führe. Die Landtagsabgeordnete Eva Viehoff antwortete daraufhin, dass man bald in Zusammenarbeit mit allen betroffenen Akteur*innen eine entsprechende politische Initiative in den Landtag einbringen werde. Das Fachgespräch habe eine umfängliche Grundlage dafür geliefert und man werde mit allen Podiumsteilnehmer*innen im weiteren Austausch dazu bleiben.

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